Walk like an Egyptian I. – Cairo, Kultur und die Sphinx
Nun haben wir also erfolgreich, trotz Vorstag-Handicap, das große Etappenziel Suezkanal erreicht. Die Marina Ismailia, gleichzeitig in der Mitte des Kanals und am Rande der gleichnamigen Großstadt gelegen, entpuppt sich als sehr gepflegt aber leider auch sehr verlassen. Gerade mal 15 Yachten liegen momentan hier – ungefähr ein Zehntel der maximalen Kapazität. Viele „alte Bekannte“ treffen wir hier aber wieder und freuen uns besonders über Kerstin und Jürgen von der Lady Jane!
Wenn man nun schon mal „um die Ecke“ eines der größten Highlights der ägyptischen Kultur ist, dann führt kein Weg an Kairo und den Pyramiden vorbei. Und an Kairo führt im wahrsten Sinne des Wortes kein Weg vorbei. Mit 20 Millionen (Region) bzw. 10 Millionen Einwohnern im Zentrum, ist sie die größte Stadt Afrikas und das Zentrum der gesamten arabischen Welt. Kairo ist so bedeutend , dass hier tatsächlich auch alle Fäden der mobilen Infrastruktur zusammentreffen.
Da unser Ersatzvorstag noch nicht angekommen ist, organisieren wir gemeinsam mit Kerstin und Jürgen kurzfristig einen Kultur-Abstecher nach Kairo. Bahn- oder Busfahren wird nicht empfohlen; so buchen wir über unseren Agenten „Captain Heebie, King of the Red Sea“ ein Auto samt Fahrer, wie das hier so üblich ist. Eine etwas bizarre Besonderheit ist die Tatsache, dass alle PKW, die mit Touristen besetzt Ismailia in Richtung Kairo verlassen, bis zur Autobahn von einer bewaffneten Polizeieskorte begleitet werden. Warum der ganze Aufwand, erschließt sich uns nicht wirklich. Es ist aber schon ein sehr spezielles Gefühl, von einem sichtlich schwer bewaffneten Polizeifahrzeug begleitet zu werden. Sobald die Autobahn erreicht ist, lässt uns unsere Schutztruppe wie angekündigt im Stich. Ob wir nun in Sicherheit sind oder die Gefahr so groß ist, dass sich sogar die Polizei nicht mehr weiter traut, wissen wir nicht.
Schaut man sich den Traffic auf der Autobahn an, dann tippen wir eher auf Letzteres! Der ägyptische Highway ist durchgängig vierspurig und für hiesige Verhältnisse in einem sehr guten Zustand. Als AUTObahn kann man ihn aber nur eingeschränkt bezeichnen. Es ist mehr ein Biotop für alles was Räder oder manchmal auch nur Hufe hat. Neben PKWs, wenigen LKWs, vielen maximal beladenen Pickups und unzähligen vollgestopften Kleinbussen, tummeln sich hier auch Tucktucks, Trikes, Mopeds, Fahrräder und sogar Fußgänger die ab und an todesmutig die Fahrbahn überqueren. Besonders spannend: Auch einige Pferdegespanne traben hier unbeirrbar ihres Weges.
Der Standstreifen wird seinem Namen nur bedingt gerecht – herrscht hier doch reges Treiben in alle Richtungen. Diejenigen, die es sich hinsichtlich Fahrziel kurzfristig anders überlegt haben, nutzen diesen anscheinend gerne, um wieder zurück auf Anfang zu kommen. Auch findet man hier allerlei Verkaufsstände, Miniwerkstätten und Vehikel, die schlapp gemacht haben. Sehr gut besucht sind ebenfalls die Auf- und Abfahrten, die gleichzeitig eine Art Mitfahrzentrale bilden. Kleinbusse, Taxen und private PKW halten hier, um Menschen ein- oder auszuladen. Die Krönung dessen, was wir beobachten, sind zwei Pferdekutschen, die auf der ganz linken Spur unterwegs sind – und zwar entgegen der Fahrtrichtung!!
Das alles ist ja schon recht unterhaltsam; was jedoch den Adrenalinspiegel zwangsweise ansteigen lässt, ist die recht originelle Fahrweise der Ägypter. 50% haben anscheinend die Idee, dass man mittig auf dem Fahrbahnstreifen fährt, die anderen 50%, dass man zwischen den Linien fahren muss. Evtl. ist die Idee aus 4 Fahrspuren 7 zu machen!? Das Resultat ist zumindest ein permanentes Gedrängel und Gehupe, selbst wenn eigentlich reichlich Platz ist. Bei diesem Ringen um die Linientreue kommen sich die ägyptischen Wagenlenker teilweise so nah, dass man dann doch wieder ein wenig an ihrem dreidimensionalen Wahrnehmungsvermögen zweifelt – Drive like an Egyptian!!
Nach zwei Stunden haben wir diese Sonderprüfung überstanden und erreichen adrenalingesättigt das gigantische Kairo. Diese Megacity zu beschreiben fällt schwer, da sie extrem heterogen ist. Von der Autobahn aus hat man einen ersten, beeindruckenden Einblick. Hermetisch abgeriegelte neue Viertel für die Wohlhabenden grenzen unmittelbar an dystopische Veedel, in denen wohl niemand freiwillig lebt. Das Zentrum zeigt sich natürlich ganz anders, es pulsiert typisch großstädtisch mit viel Verkehr und ist unglaublich laut.
Unsere drei Profitouristenziele in Kairo sind: die Pyramiden, die Altstadt mit Basar und das Neue Museum. Attraktion eins haken wir schon bei der Anfahrt ab. Unser Fahrer fährt uns noch vor dem Hotel nach Gizeh, wo er offensichtlich mit dem ein oder anderen Vetter oder Cousin einen Deal hat. So landen wir erst mal in einem von gefühlt 20 Papyrusmuseen am Wegesrand, in denen man bei Bedarf auch einen Klinsmann auf Papyrus erwerben kann. Allerdings keinen Kölner Dom auf Papyrus, was der Autor dieser Zeilen erschütternd findet! Dann, doch gänzlich ohne Papyrus, werden wir nun zum nächsten Verwandten unseres Fahrers gebracht. Dieser bietet Touren auf dem Gelände der Pyramiden an. Nach zähem Verhandeln einigen wir uns auf eine Tour, die ihn ein wenig reicher, uns aber nicht arm macht. Deal like an Egyptian!
Enthalten in dem Aktionsangebot ist ein Ritt auf einem Kamel, was besonders für den Holly-Skipper eine Herausforderung ist. Eigentlich kann der Rheinländer ja alles aber Reiten und Wandern stehen eindeutig auf seiner No-Bucket-List. Trotzdem wagt er den Aufstieg und siehe da: et löft rund bzw. vorwärts. Vermutlich ist der Grund des Gelingens , dass ein Kamel ja auch unter der Bezeichnung Wüstenschiff geführt wird, was einem Skipper natürlich mehr behagt. So nehmen unsere vier schwankenden Schiffe Kurs auf die wirklich beeindruckenden Pyramiden, die hier einst so eine Art Neubauviertel für tote Phaaraonen bildeten. Sie sind das einzige erhaltene der sieben Weltwunder der Antike.
Schaut man sich die schon etwas in die Jahrtausende gekommenen Grabstätten an und befindet sich sogar unmittelbar neben ihnen, ist die Wirkung schon atemberaubend.
Es muss für die Arbeiter jedoch eine unvorstellbare Qual gewesen sein, diese 3 Millionen Quader mit jeweils 2,5 Tonnen Gewicht aufzuschichten (Cheops Pyramide). Und das alles nur um einem kleinen CEO, der damals noch Pharao hieß oder einer Königin eine Grabstätte zu errichten. Die ein oder andere Parallele zum Kölner Dom tut sich da auf – wobei dessen Bauzeit (800 Jahre) eher typisch deutsch ist. Die Cheops-Pyramide wurde in nur rund 22 Jahren errichtet.
Auf dem gleichen weiträumigen Gelände hat es sich auch die berühmte Sphinx gemütlich gemacht. Die Vorderpfoten lässig ausgestreckt liegt sie anmutig im Wüstensand und trauert vermutlich immer noch um ihre schöne Nase, die – Asterix-Leser und Leserinnen werden es wissen – von Obelix, beim Versuch auf die Sphinx zu klettern, abgebrochen wurde. Hier mal ein Insidertipp an die ägyptischen Archäologen: Der runde Gallier hat die Nase direkt vor den Pfoten der Schönheit verscharrt ;-)
Nach dem Besuch bei der großen Katze tingeln wir an der unendlichen Reihe der bunten Souvenirstände vorbei, die alle sehr ähnliche Dinge im Angebot haben. Den Ausschuss – Katzen, an denen wie bei der Sphinx nur ein bisschen was abgebrochen ist – findet man gratis hinter den Ständen im Sand. Seit dem Besuch dort haben wir nun auch eine dieser Backstage-Katzen mit kleinem Handicap an Bord!
Nach unserem Wüstenschiff-Törn „Round the Pyramids“ legen wir als Nächstes an einem hallenartigen Restaurant an, mit dessen Betreiber unser Fahrer vermutlich auch einen Deal hat. Das entpuppt sich aber für beide Seiten als gute Lösung: Das Essen ist lecker und man kann so viel futtern, wie man mag – Eat like an Egyptian!
Teil zwei des ersten Tages zieht uns in das brandneue Grand Egyptian Museum, das erst 2024 fertiggestellt wurde und mit stolzen 81.000 qm das größte archäologische Museum der Welt ist. Von August 2014 bis Januar 2019 war übrigens der deutsch-ägyptische Ägyptologe Tarek Tawfik Generaldirektor des Projektes „Grand Egyptian Museum“. Den Auftrag für die Ausstellungsgestaltung und Szenografie erhielt 2016 das Büro Atelier Brückner aus Stuttgart.*
Hier findet man nun die ganzen wunderschönen Dinge, die aus der jahrtausendealten ägyptischen Kultur erhalten geblieben sind angemessen präsentiert. Viele der Exponate stammen auch aus den Pyramiden von Gizeh. Ein paar Stunden laufen wir etwas orientierungslos durch die gigantische Ausstellung und staunen über die unglaublichen Exponate. Absolute Highlights sind die gigantische Statue von Ramses dem Zweiten sowie die goldene Totenmaske Tutanchamuns und seine drei Sarkophage.
Am Ende eines langen und an Input kaum zu übertreffenden Tages chauffiert uns unser Fahrer – hier in Kairo, übrigens, ganz ohne Polizeieskorte! – zum Hotel. Unser online gebuchtes Fünf-Sternschnuppen-Hotel mit ohne Pool hat aber immerhin eine Dachterrasse und liegt direkt im Zentrum des urbanen Wahnsinns. Nun heißt es erstmal: ausruhen!
Am Abend suchen wir unser Heil in einem der ganz seltenen Lokale in Kairo, in denen Alkohol angeboten wird. Der ist nämlich hier, wie im gesamten muslimischen Kulturkreis, ziemlich verpönt. Überraschend treffen wir dort andere, uns bekannte „Süchtige“, nämlich die junge Crew der „Pepper“ – so klein ist also Kairo! Nach dem Kneipenbesuch zieht es uns noch in die Lounge des hiesigen Hotel Radisson, um dort noch einen kleinen Cocktail als Absacker zu genießen – Enjoy unlike an Egyptian!
Nach einem netten Frühstück über den Dächern von Kairo lassen wir uns von einem Taxi zur berühmten Zitadelle von Saladin bringen.
Dass Touristen in Kairo keine unbekannte Lebensform sind, merken wir schnell. Für die hiesigen Taxifahrer haben wir wohl starke Ähnlichkeit mit einem Bankautomaten. Fragt man nach dem Preis für eine mittellange Fahrt, die in Ismailia um die 100 – 150 ägyptische Pfund kostet, bekommt man hier erst mal ein exklusives Angebot von 700 Pfund. Ein entsetzter Blick ändert nichts am Preis, ein verächtlicher Blick lässt den Preis jedoch auf 400 sinken. Ein nun amüsiertes Grinsen und Kopfschütteln zeigt dem gierigen Droschkenfahrer, dass er es mit einem Profitouristen zu tun hat – wir einigen uns letztendlich auf 200! Negotiate like an Egyptian!
Die Zitadelle von Saladin (Salah ad-Din) (قلعة صلاح الدين Qalaʿat Salāḥ ad-Dīn), in bester Lage über der Stadt gelegen, ist ein „Must Go“ wenn man ein guter Tourist sein will. 1207 vollendet, diente die Festung als Wohnsitz der Sultane der Mamelukenzeit und der osmanischen Paschas. Sie bietet außerdem eine fulminante Aussicht über Kairo.
Die innerhalb der Zitadelle 1857 errichtete Muhammad-Ali-Moschee (Alabastermoschee) verdankt ihren Bauplatz einer kleinen Unschicklichkeit im Pulverlager der Zitadelle, die den damaligen Palast im wahrsten Sinne des Wortes komplett pulverisierte.
Die Moschee wird optisch von den beiden 82 Metern hohen Minaretten und der 52 Meter hohen Kuppel dominiert. Im Inneren erinnert alles an Märchen aus Tausend und einer Nacht. Wir bewundern die opulente Innenausstattung der Moschee, deren Wände komplett mit Alabaster verkleidet sind, was optisch eng verwandt mit Marmor ist.
Nach erfolgreicher Eroberung der Zitadelle rücken wir mittels Taxi wieder ein Feld vor auf unserer Besichtigungstour: Die Altstadt steht an!
Hier brummt das Leben und wir haben teilweise Mühe uns durch die Menschenmenge zu drängen. Im Basar der Altstadt haben wir leider das Gefühl im größten Souvenirshop der Welt gelandet zu sein. Die Verkäufer sind recht aufdringlich und der Spaß bleibt ein wenig auf der Strecke. Schade eigentlich, das Basar-Szenario ist wirklich schön und sehr besonders – wird aber leider von der Masse der Souvenirs völlig in den Hintergrund gedrängt.
Wir besuchen hier ein Restaurant, das uns empfohlen wurde, und erleben auch dort, dass es leider nur um die Kohle geht. Als wir bezahlen wollten, war die Rechnung doppelt so hoch wie erwartet. Alle kleinen Zugaben, die serviert wurden, wie Tee, Kekse und anderes, schlagen plötzlich mit absurden Summen zu Buche. 4000 ägyptische Pfund soll die gastronomische Dreistigkeit kosten. Franz schlägt 2000 vor, und wir einigen uns irgendwo in der Mitte. Somit entpuppt sich die Altstadt doch leider vor allem als Abzockmeile für zahlungskräftige Besucher aus aller Welt.
Jürgen ist von all dem so gestresst, dass das Team Lady Jane eine Abkürzung zurück zum Hotel nimmt. Mareike und Franz wählen den Rückweg per Pedes und lassen sich noch ein wenig durch die Viertel treiben. So entdecken wir noch ein paar Straßenzüge, die wesentlich authentischer sind und wo der normale Kairoer seine Einkäufe erledigt. Auch werden wir Zeuge eines kleinen Unfalls bei dem ein Fußgänger wie ein Baum von einer großen Sackkarre gefällt wird. Das arme Unfallopfer kann sich nur mühsam wieder aufrappeln. Was uns aber erstaunt ist, dass es weder Geschrei noch Anschuldigungen gibt. Man wechselt ein paar Worte und Blicke und alle gehen weiter friedlich ihrer Wege.
In Ismailia haben wir Wochen später Ähnliches erlebt. Eine Autofahrerin hatte einen Radfahrer angefahren, der filmreif über die Motorhaube flog, um dann wunderbarer Weise heile auf den Füßen zu landen. Auch hier gab’s kein Geschrei, es wurde keine Polizei gerufen und alle gingen kurze Zeit später wieder friedlich ihres Weges. Beulen im Auto, Kratzer im Fahrrad? Alles unwichtig. In Deutschland wäre das völlig undenkbar – Relaxed like an Egyptian!
Unseren letzten Kairo-Abend widmen wir mit Kerstin und Jürgen der internationalen Gastronomie in Form eines Burger King. Anschließend versacken wir wieder in unserer neuen Stammkneipe. Da diese aber recht früh schließt, wechseln wir auf die verwaiste Dachterrasse des Hotels und lassen dort über dem Sound und den Lichtern der Nil-Metropole den bunten Kairo-Besuch ausklingen.