Holly Golightly

#150
Suezkanal/Mittelmeer/Zypern

Bittersüßer Abschied und ein erstes kleines Heimkommen

  • Reisegeschichten

Endlich raus! Unglaublich aber wahr: Am 12.Mai kommt morgens um sechs unser Pilot für den Suezkanal an Bord und es geht raus aus der Marina Ismailia. Sechs Wochen war Holly hier; so viel länger als erwartet war unser Aufenthalt. Nach all dem Stress und den Herausforderungen rund um die Vorstag-Reparatur können wir es bis zum Schluss kaum glauben, dass es nun wirklich weiter geht.

Auch sie ziehts hinaus in den Kanal – kleine lokale Fischtrawler

Unser Pilot ist freundlich, spricht sehr gut Englisch und erklärt uns allerlei zu den Bauwerken am Wegesrand. Es ist ein schönes Gefühl, sich austauschen zu können, das war ja im ersten Teil des Kanals ganz anders. So hören wir gespannt zu, während er uns vom Leben mit seiner Familie in Ismailia erzählt und berichten ihm, wie es uns so ergangen ist in seiner Heimatstadt. Sehr nett ist, dass er uns anbietet, zwei Diesel-Kanister, die wir in Suakin erstanden hatten und nun nicht mehr benötigen, mit von Bord zu nehmen. Die „Entsorgung“ hätte in der Marina Ismailia 10 Dollar pro Kanister gekostet und das fanden wir doch ein bisschen übertrieben. Unser Pilot will sie einfach so mitnehmen und wir sind sicher, dass sie auch noch eine gute Verwendung finden.

Buntes Kanalufer

Die 83,75 km lange Passage zieht sich in die Länge. Im Gegensatz zum ersten Abschnitt, auf dem wir im kalten April-Nordwind schlussendlich richtig gefroren haben, wird es heute heiß und heißer. Auf beiden Seiten des Kanals zieht die unwirtliche Wüstenlandschaft vorbei und wir versuchen alle in unserem kleinen Cockpit ein wenig Schatten zu finden.

Spannendes Miteinander: Lokale Fischer und weltweiter Schiffsverkehr
Die Suezkanal-Brücke, eine vierspurige Schrägseilbrücke quert den Kanal in 70 m Höhe.
Die El-Ferdan-Brücke ist mit 340 m Spannweite
die längste Drehbrücke der Welt.

Wieder begegnen uns Fischer, die unser Pilot spontan heranruft, um Fisch für uns zu bekommen. Leider dürfen wir sie nicht aus der Nähe fotografieren, weil so ein Kontakt im Kanal natürlich strengstens verboten ist.

Fleißige Fischer
Frisch auf den Tisch vom lokalen Fischer: Kanalfische á la Suez

Am frühen Nachmittag erreichen wir schließlich das Ende des Kanals. Franz gibt unserem netten Piloten unser letztes ägyptisches Geld, ungefähr acht Dollar. Unser Agent für Ägypten und den Suez-Kanal hatte immer wieder betont, dass man im Kanal niemandem Trinkgeld geben soll. Die Wahrheit ist jedoch, dass alle Crews darum gebeten werden – es sogar regelrecht eingefordert wird. Viele andere Segler berichteten von unschönen Situationen in diesem Zusammenhang. Auch unser Pilot auf Abschnitt eins hatte darum und um Stillschweigen darüber gebeten. So betont Franz mit einem Augenzwinkern zu unserem freundlichen Piloten, er könne davon ja etwas für seine Kinder kaufen.

Was nun jedoch passiert, vermasselt leider komplett die gute Stimmung. Unser Pilot erwidert, dass – wenn dieses Geld für seine Kinder sei – ja noch ein Trinkgeld für ihn fehle! Wir haben keine Lust auf Diskussion, also geben wir ihm nochmal 10 Dollar und hoffen, dass die Sache damit endgültig vom Tisch ist.

Als das Lotsenboot naht, um den Kollegen von Bord zu nehmen, fragt er jedoch, ob wir noch eine Schachtel Zigaretten hätten. Haben wir nicht. Auf Nachfrage bestätigt er, dass auch das Lotsenboot gerne ein Trinkgeld hätte. Irgendwie nervt das. Im Panamakanal hat niemals jemand um Trinkgeld gebeten und auch hier ist es so, dass wir durchaus für die Durchfahrt bezahlen, wenn auch nicht so viel. Da es nicht unsere Art ist, an so einer Stelle groß rum zu diskutieren, geben wir ihm genervt weitere 10 Dollar für die Kollegen auf dem Lotsen-Boot.

Lotsenboot von Steuerbord

Das Internet hat uns verraten, dass der Mindestlohn in Ägypten bei etwa 160 Dollar im Monat liegt – je nach Anstellung liegt der durchschnittliche Lohn bei bis zu 320 Euro. Wir wissen, dass Kanal-Mitarbeiter deutlich mehr verdienen und haben eigentlich das Gefühl, nun allen ein sehr gutes Trinkgeld gegeben zu haben. Wer es natürlich noch nicht in den Händen hält, ist die Besatzung des Lotsenbootes. Und das wird bei der Annäherung desselben auch sehr deutlich. Es kommt nicht etwa direkt heran, um unseren Piloten an Bord zu nehmen, sondern fährt mit Abstand parallel. Vorne steht ein Mitglied der zweiköpfigen Besatzung und schreit ohne Begrüßung mehrfach zu uns herüber: „Where is my present?“

Mareike, die das „Gespräch“ vorne auf dem Bug führen muss, ist erstmal noch um Klärung bemüht und sagt ihm, dass sein Kollege das Trinkgeld für ihn bereits hat. Jedoch führt diese Info keinesfalls zu einer Beruhigung der Lage, sondern es ergibt sich ein aufgeregter Disput auf Arabisch zwischen den Piloten. Immer wieder wird Mareike lautstark um „ein Geschenk“ gebeten, und so drehen wir uns gefühlt ein paar Minuten im Kreis. Während wir uns schon fragen, ob wir unseren Piloten einfach mit nach Zypern nehmen, wenn seine Kollegen ihn nicht zurück wollen, kommt das Boot schließlich doch längsseits. Unser Pilot will noch – wie versprochen – die zwei Kanister mitnehmen, dies wird jedoch von der Lotsen-Boot-Crew deutlich abgelehnt. Schließlich rauscht das Boot mit unserem Piloten davon – begleitet von Mareikes berechtigtem, lautstarken Geschimpfe.

Wir bleiben sprachlos und aufgewühlt zurück. Franz hat das ganze Manöver gefilmt – eigentlich wollte er nur eine Dokumentation des Hinübersteigens haben. Während wir noch überlegen, wie und ob wir auf dieses Ereignis reagieren sollten, kommt das Boot zurück und holt doch noch die Kanister ab. Ob die Besatzung wohl gemerkt hat, dass sie mit ihrem Verhalten deutlich „drüber“ waren?

So oder so verursacht diese Episode einen bitteren Beigeschmack. Ist den Menschen, die derart hartnäckig um Trinkgeld bitten, eigentlich bewusst, welches Bild von Ägypten sie bei den Gästen hinterlassen?

Unsere Begegnungen mit der Bevölkerung des Landes waren auf alle Fälle extrem unterschiedlich – zwischen größter Herzlichkeit und größter Abzocke, sicherlich nicht eines unserer einfachsten Reise-Länder, aber in hohem Maße beeindruckend.

Nette Begrüßung im Mittelmeer

Nun sind wir raus aus dem Roten Meer und dem Suezkanal und schwuppdiwupp auf einmal im Mittelmeer. Das fühlt sich verrückt an. Hat man den Kanal verlassen, darf man in Ägypten nicht mehr ankern oder anlegen. Eigentlich wollten wir Richtung Rhodos oder Kreta segeln, aber da der Wind uns nicht Richtung Westen lässt, entscheiden wir uns recht spontan für Zypern, welches mit nur etwa 220 Meilen Entfernung auch das am schnellsten zu erreichende Ziel ist.

So sind wir also, mir nichts, dir nichts, nach wochenlanger Pause wieder in einem zweitägigen Passage-Modus. Aber bevor auf Holly Golightly wirklich Ruhe einkehrt, müssen wir uns noch einen Weg durch etliche Ankerfelder großer Frachtschiffe bahnen, die auf dieser Seite des Kanals auf ihre Durchfahrt warten. Das gelingt grundsätzlich auch ganz gut, bis zu dem Moment, als ein nicht unerheblich großes Container-Schiff während Mareikes Wache schräg hinter uns spontan seinen Kurs ändert und auf Kollisionskurs mit uns geht. 0,0 bis 0,1 Nautische Meilen Abstand beim Passieren (laut AIS) sind uns deutlich zu kuschlig. Auf den Funkspruch: „What´s your intention?“ antwortet der Frachter, dass er vor uns durchgehen will. Da wir segeln, haben wir eigentlich Kurshaltepflicht und der Kollege müsste sich deutlich von uns freihalten. Er ist sich aber seiner Sache sicher und hält auf uns zu!!! Es ist für uns das erste Mal, dass das vom Berufsschiffer geplante Manöver komplett und einfach gar nicht passt … Also starten wir den Motor und ändern unseren Kurs massiv, um in einem Stück weiter segeln zu können. Puh!

Erinnert an die deutsche Bucht: Hohe Dichte …
… an Fischtrawlern am Ausgang zum Mittelmeer

In der Nacht „übernimmt“ Franz das letzte Verkehrs-Trennungsgebiet, das wir rein unter Segeln passieren. Den Rest der Nacht segeln wir schließlich glücklich und zufrieden Richtung Zypern. Da die Insel so unverhofft auf unsere Reise-Route gerutscht ist, überlegen wir unterwegs, welcher Hafen strategisch günstig wäre, auch um zeitnah weiter Richtung Griechenland zu segeln. Wir entscheiden uns für den winzigen Hafen von Latchi im Nord-Westen, der praktischerweise auch ein Port of Entry ist.

Vor Zypern: Mit gutem Wind …

… geht's zügig vorran

Auf den letzten Meilen in die Bucht hinein, bekommen wir recht viel Gegenwind und motoren sehr, sehr langsam gegen 32 Knoten Wind und die entsprechende Dünung an.

Nach dem Kapp: 32 kn Wind
aus 50 Grad sind ungemütlich

Der Kontakt zum Hafenmeister ist bereits im Vorfeld großartig. Er weiß noch nicht ganz genau, welchen Platz wir bekommen und da wir so spät ankommen – er arbeitet immer nur bis 13:00 – bittet er uns, einfach bei der Hafenpolizei anzulegen. Die Kollegen von der Polizei würden uns auch gern beim Anlegen helfen.

Gesagt, getan: Bei Ankunft funken wir die Port-Control an und ein überaus sympathischer Polizist begrüßt uns am Dock, hilft beim Anlegen und begleitet uns zu der wohl bezauberndsten kleinen Polizei-Station unserer Reise.

Hier werden unsere Papiere bestaunt – dass hier jemand aus Ägypten ankommt, ist eher unüblich. Und so geht es von Mund zu Mund: Weißt du, wo die zwei herkommen?“ Customs und Immigration sind in Latchi nicht vor Ort, aber man verspricht, sie über unsere Ankunft zu informieren. Ob die Offiziellen dieser beiden Behörden am nächsten Tag noch persönlich kommen würden, sei unklar. Wir sollten den Abend genießen und einfach am nächsten Tag nochmal vorbeikommen.

Wir sind in Latchi/Zypern!

So gehen wir zurück zu Holly, vorbei an Restaurants und Bars mit Blick auf den Hafen. Alles wirkt unglaublich normal und unaufgeregt. Frauen zeigen Schulter und Bein, Menschen genießen ihren Urlaub in der Vorsaison und das Tollste ist: Niemand achtet auf uns! Wir tauchen einfach ab in der Menge. Und so plumpsen wir in das erstbeste Lokal und bestellen Aperol Spritz! Europa hat uns wieder :-)

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