Holly Golightly

#131
Batam/Indonesien

Gewitter und Gastfreundschaft XXL

  • Reisegeschichten

Lombok - Singapur

Weiter geht’s! Nach dem ausgiebigen Pit-Stop in der Medana-Bay Boxengasse starten wir am 30. September 25 durch und machen uns auf den Seeweg Richtung Singapur – genauer geschrieben, nach Batam, einer Marina gegenüber der Millionenmetropole.

Bali grüßt uns am Wegesrand

Aber bis dahin sind es noch ein paar sonnige Seemeilen. Unsere erste Etappe führt uns nach Belitong, einer wunderschönen kleinen Insel. Der Törn dorthin verläuft unspektakulär - mal segeln, mal motoren wir. Unser Motörchen scheint sich über den sauberen Tank und die neufixierte Opferanode sehr zu freuen und brummt zufrieden vor sich hin. Da die Wellen „hinter“ den Inseln hier recht klein sind – es hat ein wenig von Binnensee – kommen wir auch mit wenig Wind gut voran. Einziges Problem sind die lokalen Fischer, die Abends auf der Seebildfläche erscheinen und die Navigation nicht einfach machen. In der zweiten Nacht rammen wir dann zum Überfluss auch noch irgend ein Objekt im Wasser. Wir haben aber Glück und kommen mit dem berühmten Schrecken davon – kein Loch im Rumpf und im Propeller hat sich auch nix verfangen.

Die einheimischen Fischerboote …
… sind tagsüber wunderschön aber …
… nachts eine echte Herausforderung

An Tag vier kommen sie dann von allen Seiten: Fünf große Dickschiffe nehmen uns in die Zange. Dem ersten können wir gut ausweichen indem wir ihn am Heck passieren (wir Motoren und haben daher keine „Vorfahrt“). Als es dann aber richtig kompliziert wird, einigen sich die restlichen Drei über Funk. Das Ergebnis: Sie kurven alle so um uns herum, dass wir den Kurs kein bisschen ändern müssen. Wir finden das so freundlich, dass wir uns über Funk bei ihnen bedanken!

Der erste der Fünferbande

Natürlich nachts raubt uns ein gewaltiges Gewitter Sicht und Schlaf. Blind pflügen wir durch die Wassermassen, die jetzt oben und unten fast die gleiche Dichte haben. Holly Golightly verwandelt sich kurzzeitig in ein U-Boot, nur leider ohne Auftauch-Option. Die Donner sind so gewaltig, dass Hollys Rumpf durch und durch erzittert. Nur auf unser AIS vertrauend und in der Hoffnung, dass kein Fischer oder Ähnliches ohne AIS unseren Kurs kreuzt, schleichen wir durch das Unwetter. Neben der Gefahr einer Kollision fürchten wir einen Blitzeinschlag am meisten. Unser Aluminiummast reckt sich schließlich neugierige 14 Meter in den Himmel und könnte für den ein oder anderen Blitz eine willkommene Abkürzung darstellen. Die Folgen wären fürchterlich, da so ein unfreiwilliger Elektroschock meist die gesamte Elektronik zerstört. Die Kosten werden zwar meist durch die Versicherung gedeckt aber Beschaffung und Tausch aller Komponenten dauert in der Regel Monate.

Als kleine, große Entschädigung begleiten uns später einige Delfine — das gefällt uns schon besser!

Immer wieder toll …
… wir haben Begleitung

Auf den letzten Meilen versuchen dann noch ein paar Dinge eine innige Beziehung zu unserem Prop einzugehen. Wir merken das immer an seltsamen Vibrationen, die plötzlich bei Fahrt unter Motor auftreten. Beherzte Anwendung des „Rückwärtsganges“ und anschließende volle Fahrt voraus lassen zu unserer Erleichterung die unerwünschte Propeller-Deko wieder davonfliegen. Vermutlich sind es meist Plastikfolien oder Reste von Fischernetzen, die diesen kleinen Adrenalinschub bei uns verursachen.

Am 5. Oktober ist es vollbracht - wir werfen den Anker vor Belitong, einer schon von weitem zauberhaft aussehenden Insel. Dreihunderttausend Menschen leben hier ein friedliches und auffällig unaufgeregtes Leben. Als Mensch mit ja deutlich sichtbarem Migrationshintergrund wird man hier von allen sehr freundlich gegrüßt und willkommen geheißen.

Holly vor Belitong
We love Belitong

Belitong, das ca. 4478 km2 groß ist und zu Indonesien gehört, ist eine unentdeckte Schönheit. Vor der Küste verteilen sich unzählige, pittoreske Inselchen, die teilweise ausschauen, als ob ein Riese gigantische, rundgeschliffene Kieselsteine übereinander gestapelt hätte. Drumherum bilden unzählige Korallen und weiße Sandstrände eine traumhafte Landschaft.

Wir schwimmen, schnorcheln und baden ausgiebig und freuen uns hier zu sein. An den Stränden locken außerdem einige kleine Restaurants mit ihren kulinarischen Angeboten, die wir gerne annehmen - wo kann man schon so schön (und preiswert!) speisen?

Schön hier!
Hochstaplerei
Suchbild: Wer findet Fred (unser Dingi)

Wir haben großes Glück, da wir rechtzeitig zu einer großen Feierlichkeit anreisen. Wie wir erfahren, bringen die lokalen Fischer einmal im Jahr den Göttern des Meeres ein Opfer, um dieses weiterhin gütig zu stimmen. Das Event ist ein großes Fest, das sich über mehrere Tage erstreckt. Vor der Bucht, in der all die hübsch bunten Fischerboote liegen, wird ein Festgelände mit kleinem Rummel und vielen Verkaufsständen aufgebaut. Höhepunkt ist das Zuwasserlassen eines kleinen Nachbaus der typischen Fischerboote. Dieser liebevoll gefertigte Nachbau (ca. Im Masstab 1:10) wird mit allerlei Opfergaben gefüllt und dann im Rahmen einer Zeremonie weiter draußen in der Bucht dem Meer übergeben.

Eine große Flotte von Fischerbooten fährt zu diesem Anlass aufs Meer hinaus und wir dürfen dabei sein: Auf einem der Boote fahren wir mit und werden so Zeuge des Stapellaufs der Opfergabe. Sollte das kleine Schiff sinken, ist das kein gutes Zeichen und es droht eine schlechten Fangsaison – die kommende wird wohl prima, da das Bötchen tapfer schwimmt und alle begeistert sind.

Die „Opfergabe“
Erst wird das Boot gesegnet …
… später feierlich zu Wasser gelassen
Hurra es schwimmt!
Danach wird ausgiebig …
… gefeiert und getanzt

So paradiesisch es auch ist, die Pflicht ruft – wir müssen proviantieren! Die Holly-Crew macht sich also auf den sonnigen Weg zum nächsten Supermarkt. Zehn Minuten soll er entfernt sein, so die Auskunft der Einheimischen. Zehn Minuten sind hier natürlich Scooter-Minuten – zu Fuß geht hier niemand. So brauchen wir dann auch ein gute halbe Stunde, die aber sehr kurzweilig ist, da es viel zu sehen und zu beobachten gibt. Viel Verkehr herrscht nicht. Ab und an kommt ein Scooter vorbei und der Fahrer oder die Fahrerin winkt, ruft oder beides. Ein alter Herr, der entspannt vor seinem Häuschen sitzt, lädt uns gar zu einem Drink ein – wir lehnen allerdings höflich ab, da wir uns nicht so recht trauen.

Schöner wohnen …
… in Belitong
Streetfood …
… der freundlichen Art

Am Supermarkt angekommen genießen wir die Klimaanlage und begutachten das Angebot. Es gibt vieles aber eins leider nicht: frisches Obst! So fragen wir die junge Kassiererin, ob denn wohl irgendwo Früchte zu bekommen wären? Ihre Antwort bzw. Angebot verblüfft uns total: Mareike bekommt einen Scooter-VIP-Transfer zum nächsten Gemüsestand auf der Insel angeboten! Nur wenige Minuten später sitzt Mareike also hinter der jungen Dame auf dem Scooter und braust davon …

Mit der Kassiererin …
… auf und davon

Der Holly-Skipper sucht sich derweil ein schattiges Plätzchen und beobachtet das Leben vor dem Markt. Ungefähr eine Viertelstunde später sind die beiden zurück, die Kassiererin verabschiedet sich freundlich lachend und kehrt an ihren Arbeitsplatz zurück. Man stelle sich das mal in Deutschland vor – völlig undenkbar!

„Kleiner“ Größenunterschied: Die Yaghan im Vordergrund, Holly links dahinter

Mit uns in der Bucht liegt die Yaghan mit Anders und Gunilla aus Schweden, die wir schon in Hiva Oa und Tahaa in Französich Polynesien getroffen hatten. Ihre riesige und luxuriöse schwedische Halberg Rassy (60 Fuß = ca. 20m) hat vermutlich mindestens das 20-fache von Holly gekostet, ist aber nur doppelt so lang – ob die beiden wohl ahnen, dass man sie über den Tisch gezogen hat :-)

Als wir am 11. Oktober dann zusammen mit der Yaghan in See stechen wollen, wundern wir uns, dass sie nicht hinter uns her kommen. Wir funken sie an und erfahren, dass ihr Diesel nicht anspringt – die Elektronik meldet einen Fehler! Und dies bei einem fast neuen Schiff. Nach einem Telefonat mit „Schweden“ ist der Fehler gefunden und es kann auch für die junge Schwedin wieder weiter gehen.

Unsere alte Dänin zieht derweil zufrieden ihre Bahn Richtung Singapur. Leider bemerken wir bei der Gelegenheit auch, dass unser AIS anscheinend nicht mehr sendet. Somit sind wir für die großen Pötte auf ihren elektronischen Seekarten unsichtbar – ein Umstand, der uns gar nicht gefällt!

Es sind noch 330 Seemeilen (594 km) bis zum Ziel. Zwei Tage segeln wir nonstop ohne besondere Vorkommnisse, dann erschrecken wir gewaltig: ein großer Frachter ist plötzlich neben uns und wir haben ihn nicht gesehen – weder mittels AIS noch mittel Eyeball-Navigation. Das gibt uns zu denken - könnte unser AIS völlig in der Pütt (Eimer) sein? Am Abend werfen wir den Anker vor der kleinen Insel Palau Mantang, um ein wenig auszuruhen und um nicht nachts in der Nongsa Point Marina anzukommen. Viele Fischer tuckern hier geschäftig kreuz und quer durch die Bucht und eins der schnittigen Holzboote traut sich in unsere Nähe. Wir halten ein nettes Schwätzchen, bewundern ihr schönes Schiff und den akustisch sehr präsenten und rustikalen Einzylinder-Diesel. Zur Stärkung der Indonesisch-Deutschen Freundschaft schenken wir ihnen ein paar Dosen Erfrischungsgetränke und sie tuckern gut gelaunt davon.

Nach einem Schwätzchen geht’s weiter

Am nächsten Morgen sind’s nur noch 50 Meilen bis Batam, unserem nächsten Hafen, der fast gegenüber von Singapur liegt. Wir starten gut gelaunt und freuen uns auf die kommende Nacht im sicheren und komfortablen (Pool!) Hafen. Mit uns unterwegs sind allerlei andere Wasserfahrzeuge. Je näher wir Singapur kommen, umso mehr Verkehr herrscht auf dem Wasser um uns herum. Besonders heraus stechen zahlreiche Schlepper, die sichtbar mühselig riesige Schuten im Schneckentempo Richtung Norden oder Süden schleppen.

Macht ordentlich Dreck, der Kleine
Nur blöd, wenn der Wind dreht!

Kurz vor dem Ziel macht uns das Wetter einen Strich durch die seemännische Rechnung – wieder kreuzt ein fettes Gewitter unseren Kurs. Die Sicht wird immer schlechter, es schüttet aus Kübeln, es donnert und blitzt und ein kräftiger Wind bläst auf Hollys Bug. Kurz entschlossen drehen wir um und suchen Schutz vor der Insel Palau Lobam. Hier macht die Holly-Crew ein Nickerchen und ca. zwei Stunden später ist der Wetterspuk vorbei.

Et kütt wie et kütt - wir drehen um!

Die letzten 15 sm bahnen wir uns den Weg durch recht viel Querverkehr, Ankerlieger und krass schnelle Marineschiffe. Man merkt, dass wir Singapur immer näher kommen. Um ca. 18 Uhr erreichen wir die Nongsa Point Marina, vertäuen Holly Golightly am Steg und freuen uns auf die Vorzüge eines sicheren Hafens. Wir haben wieder ein gutes Stück geschafft!!

Geschafft - die Marina Nongsa Point, gegenüber von Singapur, ist unser neues Zuhause
Die Cocktails sind prima und …
… der Blick auf Singapur ist atemberaubend
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