Holly Golightly

#146
Rotes Meer/Sudan/Ägypten

Rotes Meer - die Zweite

  • Reisegeschichten

Wie hinein, so hinaus: Die Gruppe der in Suakin ankernden Boote hat ein, zwei Tage diskutiert und überlegt, bis schließlich alle den 22. März für den besten Tag zur Weiterfahrt befunden haben. Da es früh am Morgen losgehen soll, machen wir also die Rolle rückwärts: Holly Golightly fährt voraus, drei Katamarane und ein Monohull hinterher. Anfangs haben auch wir aufgrund von GPS-Spoofing keinerlei Position und tasten uns extrem dicht an der imposanten Ruine der ägyptischen Nationalbank vorbei, da nur ganz landnah genug Wassertiefe für uns vorhanden ist. Aus der kleinen Ankerbucht heraus haben wir – im Gegensatz zu den anderen – wieder eine genaue Position und so bleibt die imposante Gefolgschaft brav hinter Holly Golightly. Wir haben unsere geplante Route mit den anderen geteilt und so kommt nach einiger Zeit die etwas ungeduldige Frage, ob wir nicht schon am nächsten Wegpunkt sind und nun langsam mal Richtung Norden abbiegen könnten :-) Jedoch haben wir ganz gerne ein bisschen Abstand zu den gefürchteten Riffen des Sudan, also muss die Gruppe sich in Geduld üben. Schließlich hat das GPS-Jamming ein Ende und jede Crew kann ihren favorisierten Kurs segeln.

Die Ruine der ägyptischen Nationalbank als Wegepunkt
Holly hat vier große Follower :-)

Im nördlichen Teil des Roten Meeres herrschen zu dieser Zeit Nordwinde vor und so sind es für uns, die wir nach Norden wollen, keine optimalen Bedingungen.

Ein bisschen ist es Trost für unsere Seele, dass auch alle anderen kaum segeln können auf dieser Strecke. Wann immer es geht, ziehen wir unser Großsegel bis ins erste Reff – höher geht es wegen der Sicherung des Vorstages nicht mehr – und segeln ein bisschen vor dem Wind. Aber die allermeiste Zeit sind wir wie alle anderen unter Motor unterwegs.

So verläuft der erste Tag und auch die erste Nacht ruhig und entspannt.

Seltener Besuch –
… ein Wiedehopf gibt uns die Ehre

Die Prognosen sind günstig, so dass wir mit diesem Wetterfenster den Sudan hinter uns lassen können und die nächste Verschnaufpause in einer Ankerbucht in Ägypten einlegen können. Traurigerweise ist das Einklarieren mit einem Schiff in Ägypten unglaublich teuer – bis zu 3000 US$ soll der Spaß für unsere ja doch recht kleine Holly kosten. Aus diesem Grund klarieren 99% der Segelyachten nicht in Ägypten ein, sondern bleiben durchweg im Transit. Auf dem Weg durch das Rote Meer bedeutet dies, dass wir nur in sogenannten „Permitted Anchorages“ stoppen dürfen, um auf bessere Wetterbedingungen zu warten, also wirklich NUR ankern, mehr nicht. Wir dürfen natürlich nicht an Land, da wir ja nicht einklariert sind. Außerdem ist es nicht erlaubt, das Dinghy ins Wasser zu lassen und zu befreundeten Booten in der Bucht zu rudern und zu guter Letzt ist es auch verboten zu baden. Naja, immerhin dürfen wir auf den etwa 550 Meilen entlang der ägyptischen Küste Pausen machen.

Lichter Moment

Wir visieren also die erste erlaubte Ankerbucht im Süden Ägyptens an. Wadi Jamal liegt … Meilen entfernt von Suakin und bietet guten Schutz vor Wind aus Nordwest bis Ost. Da der angekündigte Starkwind aber von Nord auf West drehen soll, würden wir dort reichlich ungeschützt liegen. Die „Rettung“ könnte Sharm Luli bieten, eine weitere nahe Bucht, die aber nicht auf der Liste der erlaubten Ankerplätze steht. Unser Agent empfiehlt, dort nicht zu halten, da die Fischer recht aufdringlich sein sollen. Aber immerhin scheint es auch nicht komplett verboten. Nach Rücksprache mit zwei anderen Yachten, von denen eine gerade vor Ort ist und die andere dort auch bereits geankert hat, entscheiden wir uns doch für diesen Stopp.

Die zweite Nacht auf dem Weg nach Norden ist ruppig. Wir haben auf einmal eine kurze Welle von vorne. Mareike, die versucht, in der Frontkoje zu schlafen, wird hin und her gerüttelt und zieht unter kurzem Gefluche in den Salon um, der ein ruhigeres Bett verspricht. Vorher macht sie noch die Luke vorne zu, damit keine Welle ins Boot schwappt. Der Gedanke an sich – gar nicht schlecht. Jedoch vergisst sie, dass wir zur Beschattung ganz pragmatisch ein altes T-Shirt über die Luke gezogen hatten. Und während sie nun gemütlich im Salon schläft, hört sie ganz im Hintergrund ein eigenartiges und ungewohntes Geräusch, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen – wie schade. Holly stampft durch die Wellen, und selbige kommen ab und an auch mal vorne über den Bug. Zwar sind die Luken zu, aber das wunderbare Schattenspender-T-Shirt sorgt mittels unerwartetem Kapillar-Effekt dafür, dass die Front-Koje und unser Bett komplett geflutet werden. Ein Albtraum! Matratze und Topper sind triefend nass. Sogar bis in den Salon hinein hat es das Salzwasser geschafft.

Betrübt versuchen wir, die tropfenden Matratzen etwas aufrecht zu kippen, um sie zu belüften, aber das Unterfangen scheint aufgrund der Menge an Wasser quasi aussichtslos. Noch … Meilen bis zur Marina Ismailia und Zugang zu fließend Wasser. Ein ganz klein wenig ist es, manchmal, zum Verzweifeln, aber wir versuchen, uns nicht zu sehr aufzuregen. Tapfer geht es weiter Richtung Norden.

Gewaltige Dünen am Wegesrand

Der kommende Tag lebt davon, dass wir uns auf die Pause vor Anker freuen! Von hinten holt langsam, aber sicher die „Pepper“ auf. Die drei Jungs haben wir erstmals in Tonga und dann wieder auf den Malediven getroffen. Es ist so schön, ein bekanntes Boot in der Nähe zu haben.

Die letzte Nacht vor der Pause darf aber unmöglich normal verlaufen und somit quasi langweilig werden. Unser Motor scheint ein bisschen unter Zuwendungs-Mangel zu leiden. Er drosselt plötzlich die Drehzahl, um sie im Anschluss wieder zu erhöhen. Wir hören uns das still und leicht unglücklich ein paarmal an, bis er schließlich ganz ausgeht. Franz lässt sich jedoch nicht beirren und startet den Motor einfach wieder. Und siehe da: Er springt sofort wieder an. Mit für unsere Verhältnisse hoher Drehzahl läuft er dann auch gleichmäßig weiter.

Inzwischen ist – was für ein Glück! – die Pepper direkt hinter uns. Nach kurzem Funk versprechen sie, bei uns zu bleiben, bis wir am nächsten Tag gemeinsam nach Sharm El Luli kommen. Wir sind doch Glückskinder!

Ankern in der Wüste – Sharm Luli
Die "Pepper" ist auch schon da
Wir versanden …
… unaufhaltsam

Sharm Luli hält, was es verspricht: Es fühlt sich an wie Ankern auf einem kleinen Binnensee. Kaum ist der Anker gefallen, kommt ein Schlauchboot mit zwei freundlichen, jungen Männern angefahren. Sie bitten in kaum vorhandenem Englisch darum, unsere Pässe zu sehen. Wir zeigen sie her und nach eingehender Betrachtung fahren sie – anscheinend zufrieden – davon. Wenig später tauchen sie erneut auf. Nach viel „Arabisch/Englisch und mit Händen und Füßen“ verstehen wir, dass sie den Namen unseres Bootes wissen wollen, ihn aber aufgrund der lateinischen Buchstaben nicht von unserem Schiff ablesen können. Also tippt Franz den Namen nochmal in sein Handy, dann in eins der anderen Handys, nachdem die Tastatur umgestellt ist.

Zufrieden fahren die beiden davon, um nach einer Viertelstunde wieder zurück zu sein. Sie möchten nochmal die Pässe sehen und beginnen zu telefonieren. Wir sind ein kleines bisschen aufgeregt und hoffen, dass wir bleiben dürfen. Schließlich bekommt Franz das Telefon in die Hand gedrückt und hat zu seinem Erstaunen einen Deutsch sprechenden Herren am Ohr, der überaus freundlich nachfragt, ob wir Probleme hätten oder Hilfe benötigen. Franz erklärt, dass bei uns alles in Ordnung sei, wir jedoch wegen des angekündigten Starkwinds gerne zwei/drei Nächte in der Bucht ankern würden. Der unbekannte Mensch sagt, dass dies völlig in Ordnung sei und er schon wüsste, dass das Wetter sch… werden würde. :-) So verbringen wir mit dem Segen des Unbekannten drei Nächte in Sharm Luli. Wir manövrieren den durchnässten Topper auf Deck und lassen ihn vom Wüstenwind trocknen, was tatsächlich gelingt! Der Salzgehalt der Matratze bleibt natürlich bestehen und als Zugabe gibt es durch den Wind auch noch Sand satt … Aber was soll’s: Hauptsache trocken und die Crew schläft wieder hübsch weich!

Hochzeitstag im Dichte-Stress auf Holly – ein Dokumentationsversuch: Hölzerne Hochzeit …
… in Sand gemeißelt :-)
Der alte Schwede bekommt seine Streicheleinheiten

Sehr ausgeruht und geht es am 28. März wieder raus auf die Piste. Nächster Stopp ist Soma Bay, eine quirlige Urlaubs-Bucht, die wir nach nur einer weiteren Nacht erreichen. Hier können wir den Touristnen beim Surfen, Kite-Surfen, Wing-Foilen, Schnorcheln, Schwimmen und Tauchen zusehen, während der nächste Nordwind uns an der Weiterfahrt hindert. Wir kommen uns vor wie Wesen von einem anderen Stern, wie wir da so auf unserer Holly sitzen, die nicht ein klitzekleines bisschen in diese Touri-Welt aus dem Prospekt passt. Wir bleiben zwei Nächte und bekommen von Ibrahim Obst, Gemüse, Eier und auch Diesel geliefert.

Urlaubsidylle aus der Retorte: Soma Bay

So ausgestattet geht es in die letzte Etappe des roten Roten Meeres. Es geht vorbei an dem beliebten Urlaubsort Hurghada und hinein in den Golf von Suez. Wir bestaunen an Steuerbord die imposante Kulisse der geschichtsträchtigen Sinai-Halbinsel, die auf dem asiatischen Kontinent liegt und sehen an Backbord den afrikanischen Kontinent. Was für ein Erlebnis!

Sonnenaufgang über der Sinai-Halbinsel/Asien
Sonnenuntergang über Afrika

Eineinhalb Tage und zwei Nächte sind wir unterwegs durch den Golf. Entlang des Verkehrstrennungsgebietes ist der Weg „gepflastert“ mit Ölbohrinseln, von denen man einen Mindestabstand halten muss. Das gelingt meistens ganz gut, aber natürlich dürfen auch hier die wagemutigen, aber manchmal auch gefühlt etwas rücksichtslosen Fischer nicht fehlen.

"Drill baby drill"
Auch die "Dicken" machen ml ein Päuschen

Früh am Morgen des 2. April nähern wir uns der sogenannten C1-Anchorage, in der Yachten auf die Vermessung für den Suez-Kanal warten müssen.

Das letzte Stück des Weges ist nochmal sehr herausfordernd: Wir haben starken Gegenwind und es regnet sogar – die Sicht ist also extrem bescheiden. Laut unserem AIS nähert sich ein Schlepper in Zeitlupe dem Verkehrstrennungsgebiet schräg von der Seite und kommt uns somit in den Weg. Was wohl sein Plan so mitten in der Nacht ist? Diagonal durch solch eine Seestraße zu manövrieren ist eigentlich völlig unüblich – andererseits sind wir in Ägypten. Der Skipper fragt sich ob vor oder hinter ihm durch und entschließt sich für die defensivere Variante. Als er dann im Schneckentempo quer über die Schiffsautobahn an unserer Backbordseite passiert ist klar warum er so angestrengt unterwegs ist: Er schleppt ein gewaltiges Trockendock hinter sich her!

Die Tatsache, dass die großen Seezeichen, welche die Fahrrinne markieren in unserer Seekarte alle falsch eingezeichnet sind, ist auch höchst seltsam. Immerhin stimmen sie auf unserer BackUp-Karte eines anderen Anbieters. Trotz allem schaffen wir es auf die Minute genau(!) zur C1-Anchorage.

Das Pilotboot bringt uns unseren Piloten Ehab vorbei

Als wir am 2. April schließlich gegen 7:30 dort ankommen, sehen wir, dass die Yachten, die hier über Nacht geankert haben, bereits ihre Piloten bekommen, um in den Kanal zu fahren. Wir sind ein bisschen traurig, weil wir anscheinend knapp zu spät sind, schließlich ist Holly Golightly noch nicht vermessen worden. Also stellen wir uns auf eine Nacht vor Anker in industrieller Umgebung ein. Aber völlig unerwartet kommt das Pilot-Boot auch zu uns und so bleibt der Anker oben. Unser Agent für Ägypten und den Kanal hat netterweise dafür gesorgt, dass wir uns ohne vermessen zu werden in den heutigen Transit einreihen dürfen. Bei ordentlich Wind und Welle braucht es ein paar Anläufe, bevor es dem Piloten gelingt auf Holly hinüber zu springen. Aber als das geschafft ist, geht es sofort den anderen Yachten hinterher und hinein in den Kanal.

Unsere Freunde von der Oatenec direkt voraus (links natürlich :-)
Wahr oder gelogen? Holly Golightly im Suez-Kanal
Irgendwie skurril: Das Denkmal in Erinnerung an den Unfall mit der „Evergreen”.

So sehr wir uns freuen, merken wir auch, wie erschöpft wir sind. Nach einer doch etwas herausfordernden letzten Nacht hätten wir ein bisschen Schlaf gebrauchen können. Nun haben wir etwa acht Stunden Kanal-Transit bis zur Marina Ismailia vor uns. Aber Jammern hilft nicht! Wir betanken unterwegs den für Mareikes Verhältnisse viel zu leeren Tank aus Kanistern, machen Pfannkuchen und ziehen nach und nach immer mehr Schichten an. Der Nordwind bringt zu dieser Jahreszeit noch deutlich kalte Luft vom Mittelmeer.

Ein Kanal kann auch schön sein

Was der Wind mit sich bringt, ist Sand. Erst denken wir noch, dass es einfach nur etwas diesig wird, aber schließlich entpuppt es sich als ein Sandsturm vom Feinsten.

Sandige Sicht vorraus
Auch im Kanal unterwegs …
… sehr kleine Fischerboote
Holly kommt an – im Hintergrund (eigentlich) die Stadt Ismailia

Als wir in Ismailia ankommen, sehen wir nichts mehr, auch unser Pilot scheint etwas orientierungslos, was uns nicht gerade glücklich macht. Von der nahen Stadt ist NICHTS zu sehen und auch die Hafeneinfahrt zeigt sich erst im allerletzten Moment. Wir fühlen uns ein bisschen wie im Nebel des Englischen Kanals und sind selig, als die Leinen am Steg der Marina fest sind.

Das Rote Meer liegt hinter uns! Verrückt!

Die Marina ist ein Transitbereich und gesichert wie eine Festung. Mit Hilfe unseres Agenten Captain Heebi, Prince of the Red Sea(!) klarieren wir ein und erhalten unsere Visa.

Wir verschwinden beide für eine gefühlte Ewigkeit in den Waschräumen und genießen die ersten Duschen, seit Malaysia im Januar. Bevor wir komplett k.o. in die Koje kippen, gibt es natürlich noch ein Begrüßungs-Getränk mit Kerstin und Jürgen von der Lady Jane und den Jungs von der Pepper, die es schon tags zuvor nach Ismailia geschafft hatten.

Egypt here we are!

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