Holly Golightly

#144
Rotes Meer, Sudan

Bab Al Mandab – das gefährliche Nadelöhr zum Roten Meer

  • Reisegeschichten

Am Donnerstag, den 12. März 2026 ist es soweit! Das gewünschte Wetterfenster ist da – starker Südwind der uns ins Rote Meer wehen soll ist angekündigt. Wir biegen also um halb neun morgens wieder auf die Beschleunigungsspur ein und nehmen Kurs auf das berühmt-berüchtigte Bab Al Mandab, das aus Richtung Süden den Eingang zum Roten Meer darstellt.

Politisch ist die aktuelle Situation brandgefährlich – Iran, USA, Israel und die Hisbollah kloppen aufeinander ein, als ob es nicht schon genug Leid auf unserem Planeten gäbe. Ob und wie die Hutis im Nord-Jemen sich in den Konflikt einmischen ist völlig unklar. Wenn, dann beschießen sie ja gerne mal Frachter oder Tanker vor Bab al Mandab mit Raketen oder Drohnen. Yachten wurden bisher immer verschont – aber wer weiß schon, ob das so bleibt?!

Auf gehts - wir trauen uns!

So machen wir uns zusammen mit einigen anderen nur scheinbar Unerschrockenen auf den steinigen Seeweg. Es ist eine kleine Flottille in der alle aufeinander schauen und in Kontakt sind. Die Lady Jane ist anfangs noch hinter uns, bildet dann aber später unsere Vorhut. Der Windwinkel ist leider etwas ungünstig, so dass wir sehr hoch am Wind segeln müssen, um erst mal Richtung Nordost zu kommen.

Nachts als Flottile durch das Nadelöhr: Der rote Pfeil sind wir, die schlanken "Grünen" unsere Buddys,
die dicken "Grünen" Frachter und die orange Linie unsere Kurslinie

In der Meerenge, die die Einfahrt zum Roten Meer markiert, fühlen sich, aufgrund des geografisch bedingten Düseneffekts, starke Winde und hohe Wellen wie zu Hause. Aber leider gibt es keine Alternative – wenn’s hier dann endlich in die richtige Richtung weht, dann meist in Sturmstärke! Allerdings schrecken uns solche Bedingungen nur noch bedingt, da wir wissen, dass Holly Golightly das gut kann.

15 Stunden später passieren wir Bab al Mandab mitten in der Nacht mit 20 kn Rückenwind so zügig, dass die Hutis im Tiefschlaf keine Chance haben – die erste schwierige Hürde ist geschafft! Jetzt liegen noch ca. 220 Seemeilen vor uns bis die kritische Küste vom Jemen endgültig in unserem Kielwasser verschwunden ist. Die zweite Hürde, die Hanisch-Inseln, liegen aber noch vor uns am Wegesrand – auch sie werden gerne mal von den Hutis als Basis für Angriffe genutzt. Das sorgt dafür, dass die Stimmung an Bord noch nicht gänzlich entspannt ist.

Das Tolle: Wir sind nicht alleine!

Der kommende Tag beschert uns mit nur 7 kn Wind unerwartet ruhige Bedingungen. So können wir den Live-Thriller noch ein wenig länger genießen.

Am Vormittag passieren wir dann recht gemütlich und in möglichst großem Abstand die erwähnte Inselgruppe. Nun sind wir tatsächlich aus dem Gröbsten raus, wie man so schön sagt!

Auf hoher See vor Anker: Fischtrawler mitten im Roten Meer

Tag Drei und Vier meinen es leider nicht so gut mit uns. Der Wind wird immer stärker und die Wellen immer höher – das alleine wäre nicht so schlimm, leider sind die Wellen aber auch brutal kurz. Der Grund dafür ist die hier recht bescheidene Wassertiefe. Diese sogenannte Hackwelle, eine alte Bekannte aus der ebenfalls eher flachen Nord- und Ostsee, macht das Leben an Bord sehr ungemütlich und anstrengend.

Hoch und kurz: Unkompfortable Wellensorte – jedoch mit viel Schubkraft

Der absolute Tiefpunkt, der uns noch Wochen lang beschäftigen wird, ereilt uns am heiligen Sonntag. Wir wollen die Genua ausrollen und stoßen auf unerwarteten Widerstand: Das große Tuch vor dem Mast will sich einfach nicht ausrollen lassen! Irgendwas hängt, klemmt oder ist blockiert. Der Skipper macht sich auf die Suche, checkt alles Mögliche und macht hoch oben im Rigg eine schockierende Entdeckung: Unser Vorstag ist kurz vorm Abreißen!!! Da das Vorstag (Stahlseil, das vom Bug zur Mastspitze geht) auch den Mast daran hindert, nach hinten umzufallen, ist diese Entdeckung für uns ein Alptraum.

Weil uns der Mast aufrecht stehend am liebsten ist, unternehmen wir sofort allerlei Maßnahmen, um diesen Idealzustand zu sichern. Mittels Dyneema-Spinnaker-Fall und Topnant, die wir beide nach vorne abspannen, entlasten wir das Vorstag.

Aufgrund von angesagtem Nordwind haben wir einen Zwischenstopp in Fawn Cove geplant. Leider liegt die geschützte Ankerbucht, die schon zum Sudan gehört noch mehr als 100 Meilen entfernt. Mit etwas hängenden Köpfen, die ab und zu besorgt nach oben blicken, geht es also tapfer weiter.

Üble Verwicklung: Vorstag kurz vor Abreißen und Genuafall mitten drin im Desaster

In Fawn Cove ankern zum Glück noch drei uns bekannte Katamarane. Und wie es halt so ist, wenn das smarte It-Girl Holly Golightly ein Problem hat – alle wollen helfen! Es finden sich also recht schnell drei Verehrer, die den Skipper in den Mast ziehen, um das Desaster zu begutachten und provisorisch zu sichern. Was sich dort oben offenbart, ist schon erschreckend. Von den 19 Edelstahllitzen, die das gedrehte Stahlseil bilden, sind 15 abgerissen, so dass unser Schicksal an nur noch vier dünnen Drähten hing. Dass diese gehalten haben und wir den Schaden früh genug entdeckt haben, ist wirklich ein Riesenglück!!!

Mit Seilklemmen, einem Rest Unterwant, einem Wantenspanner, einem Spanngurt und einem Dyneema-Softschäkel bastelt der Skipper eine Sicherung, die das Vorstag entlastet und – falls es doch noch reißen sollte – dessen Funktion übernimmt. Letztendlich hat die Konstruktion dann bis in die sichere Marina Ismailia im Suezkanal gehalten. Die vier restlichen Drähte waren dort tatsächlich immer noch intakt.

Auf die Spitze getrieben: Der Skipper
Flickwerk das bis Ägypten halten wird

Solchermaßen zusammengeflickt, machen wir uns kurz vor den Katamaranen auf den Weg nach Suakin, einer alten Hafenstadt im Sudan. Leider können wir nun das Vorsegel nicht mehr nutzen. Somit ist Segeln nur noch mit dem Großsegel möglich.

Von Fawn Cove bis Suakin sind es noch 80 Seemeilen, die wir in ca. 16 Stunden unter Großsegel oder Motor schaffen. Als wir dort ankommen, sind die drei hilfreichen Katamarane alle auf gleicher Höhe mit uns. Was dann geschieht, ist äußerst skurril: Bei allen Katamaranen versagt plötzlich die GPS-Ortung, so dass sie auf den elektronischen Seekarten nicht mehr sehen können, wo sie sind! Die Ursache: Das sudanesische Militär stört hier regelmäßig die GPS-Signale (GPS-Jamming). Das Seltsame: Wir haben das Problem nicht! So kommt es, dass Holly Golightly plötzlich für einige Stunden drei große Hochseekatamarane bis Suakin als neue Follower hat.

Den Grund, warum unsere GPS-gestützte Navigations-App (elektronische Seekarte) als einzige noch funktioniert hat, haben wir später tatsächlich herausgefunden. Es ist dem Umstand geschuldet, dass wir unser "Billig-Tablet", made in Südkorea, dass wir zur Navigation benutzen, zusätzlich zu dem eingebauten GPS mit dem GPS unseres AIS verbunden haben. So kann die Navigations-App auf zwei unterschiedliche GPS-Datensätze zugreifen. Diese Redundanz scheint das ganze System weniger anfällig gegen das gefürchtete GPS-Jamming zu machen.

Dank GPS-Spoofing: Holly rast mit 38,5 kn übers Rote Meer …
… um dann plötzlich mitten in Saudi Arabien anzukommen!

Quasi im Ziel hat aber auch uns dann eine weitere spaßige Variante der GPS-Störungen erwischt: Das GPS-Spoofing. In dem Fall wird das GPS Signal nicht gestört sondern gefälscht. Das führt dann dazu, dass Holly Golightly laut Navigations-App plötzlich mit 38 kn quer übers Rote Meer rast. Gegen diese Art der Störung ist dann jedoch kein Kraut gewachsen. Da wir schon am Ziel waren, hat uns dieser Special Effect dann jedoch nicht mehr gestresst.

So sind wir also trotz Panne sicher und sogar mit Gefolge in Suakin angekommen – et hätt mal widder joot jejangen!!!

Bitte folgen – orientierungsloser Katamaran als Follower bei der Ankunft in Suakin
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