Kurs Sokotra – quer durch die Arabische See
Rund 1200 sm (2200 km) ziemlich genau Kurs West, liegen vor uns. Die ersten beiden Tage kommt der Wind nicht so richtig auf Touren. In Sachen Segeln ziehen wir also alles hoch und lassen den Volvo dazu arbeiten – es lebe der Hybridantrieb!
Schnell zeigt sich, dass alle anderen Yachten einen anderen Kurs favorisieren als wir. Der Trend geht zu einem nördlicheren Kurs, in die Nähe der Hauptschifffahrtslinie. Der Grund sind die wild kursierenden Gerüchte über aufdringliche oder sogar militante Fischer. Wir können diesen regelmäßig in den Diskussionsgruppen hochkochenden Geschichten wenig abgewinnen, vertrauen auf das Gute im Menschen und auf den in Sachen Wind und Strömung idealen Kurs – zu Recht, wie sich zeigen wird! Einige der anderen Yachten wollen sogar nachts ohne Positionslichter unterwegs sein, da sie sich dann sicherer fühlen – auch dem können wir wenig abgewinnen und stellen unser Licht auch nachts nicht unter den Scheffel.
Da das Arabische Meer zum freiwilligen Meldebereich der UKMTO (United Kingdom Maritime Trade Operations) gehört, melden auch wir immer täglich um 8:00 morgens brav unsere Position über Star Link per Mail an die Zentrale der UKMTO – sicher ist sicher! Außerdem ist es in dem Fall ein gutes Gefühl, dass man nicht ganz unbeobachtet unterwegs ist. Schließlich gab es in der Vergangenheit einige unschöne Zwischenfälle in dieser Region.
An Tag drei frischt der Wind auf 17 kn auf und wir können dank der nur winzigen Wellen hervorragend hoch am Wind unserem Kurs folgen. Und siehe da, auch einer der "berüchtigten" Fischer taucht am Horizont auf, ändert prompt seinen Kurs in unsere Richtung und nähert sich, um mal zu schauen, wer da so in seinem Heimatgewässer unterwegs ist. Aufgrund der kursierenden Geschichten und Gerüchte sind wir etwas aufgeregt und gespannt was nun passiert. Als sie auf gleicher Höhe sind winken wir ihnen zu, um von vorneherein etwas gute Stimmung zu verbreiten. Die Reaktion ist überaus positiv – es wird gelacht und gewunken. So ziehen sie weiter und lassen uns erleichter zurück. Uns berührt diese freundliche Begegnung sehr. Während wir hier nur so zum Spaß über die Meere schaukeln, haben sie auf ihrem doch sehr einfachen Kutter bestimmt kein leichtes so Leben.
Wir hatten extra einige Zigaretten und Getränke in Plastiktüten verpackt, um im Bedarfsfall mit kleinen Geschenken dienen zu können. Es besteht aber augenscheinlich kein Bedarf, und so bleiben wir auf unseren Gastgeschenken sitzen.
Tag vier bringt noch mehr Wind und nun mischen auch die Wellen mit. Es wird also etwas rumpelig auf Holly Golightly, doch wir kommen mit sechs bis sieben Knoten Speed prima voran. Jede Menge eleganter Delfine tauchen neben uns auf und begleiten uns, was immer wieder ein maritimes Fest und Doping für die Seele der Besatzung ist. Auf dem AIS tauchen nach und nach immer mehr Fischer auf – alle aber nördlich von uns, dort wo die anderen Yachten unterwegs sind. Es dauert tatsächlich nicht lange und die Lady Jane hat das große Pech sich in einem der Netze zu verheddern. Nur unter vollem Einsatz, mit Dingi im Wasser und beherztem Gebrauch eines Messers, gelingen Jürgen und Kerstin die Befreiung aus der misslichen, zum Überfluss auch noch nächtlichen Lage.
Wir haben unterdessen leider ein anderes Problem, da wir unter Deck eine gebrochene Mast-Deck-Abspannung entdecken. Dieses Teil bildet ein Gegenlager zu den hohen Kräften, die rund um den Mast durch die Umlenkungen der Fallen auftreten und ist unter Deck im Mast verankert. Der Facility-Manager kann jedoch aus allerlei Spannelementen und Karabinerhaken einen guten Ersatz anfertigen.
Am nächsten Tag entdeckt Mareike bedauerlicherweise, dass auch unser Unterwand an Steuerbord ein Problem hat – eine Litze im Stahlseil ist gebrochen. Bedeutet, dass eins der 19 in sich gedrehten, dünnen Stahldrähte gebrochen ist. Die Folge sind schlimme Geräusche in der Decksdurchführung des Masts. Vermutlich hat sich das Unterwand durch den Bruch etwas gelängt und der Mast hat nun zu viel Bewegung in diesem Bereich. Der Facility-Manager sichert das Unterwand mithilfe einiger kleiner Wantenspanner, Seilklemmen und einem Softschäkel aus Dyneema. Wir hoffen sehr dass es hält und sich nicht noch weitere Drähte aus der Verantwortung stehlen.
In der Nacht bietet sich uns als große Entschädigung ein wunderbares Schauspiel. Es scheint hier so viel phosphoreszierendes Plankton zu geben, dass tatsächlich die sich leicht brechenden Wellenkämme bis zum Horizont intensiv um die Wette leuchten. Auch unsere Bugwelle funkelt vor sich hin als ob sie eine ganze Galaxie von Sternen beinhaltet. Oben am Firmament eine Galaxie und unten am Bug eine weitere – ein zauberhafter Anblick, den man stundenlang genießen kann. Es sind nicht zuletzt diese magischen Momente, die uns immer wieder raus auf’s Meer ziehen. Ähnlich einem spannenden Roman, der nie enden will …
Unsere Freunde von der Lady Jane haben unterdessen wieder viel Spaß mit den zahlreichen Fischtrawlern, die auch hier versuchen, die Meere mit großen Treibnetzen von den lästigen Fischen zu befreien. Immerhin sind die Netze mit AIS-Sendern versehen, so dass man ausweichen kann – aber wohin??? Kerstin und Jürgen sind so gefangen zwischen den Netzen, dass schließlich die Fischer über Funk mithelfen müssen, der Lady Jane den Ausweg aus der völlig vernetzten Misere zu zeigen.
Die Holly-Crew ist somit heilfroh, dass sie nicht der Meute gefolgt ist, sondern stur ihren südlicheren Kurs segelt! Uns begegnet hier nur noch ein einziger Fischtrawler, dem wir recht unkompliziert aus dem Weg segeln können.
Zwei Tage vor unserem Ziel überholen uns die portugiesische Ann Charlotte und die Afrikki, die unter kanadischer Flagge unterwegs ist. Während wir das Segeln genießen, haben die anderen es eilig und dieseln unter Motor und Segeln an uns vorbei.
Am 25. Februar 2025 umrunden wir am frühen Morgen das östliche Kap von Socotra. Ein paar kleine, lokale Fischer sind auch hier unterwegs, aber gut zu sehen und zu umschiffen. Die schroffe, felsige Küste mit gigantischen Sanddünen bietet eine grandiose Szenerie. Die gewaltigen Dünen aus schneeweißem Sand, die sich an die Felswände anschmiegen, als wollten sie diese stützen, gehören zu den größten der Welt und verleihen der Insel eine einzigartige Kulisse.
Einige Stunden später erreichen wir die Bucht von Ghubbah di Hadiboh mit dem dazugehörigen kleinen Hafen und ankern genau vor einer dieser gigantischen Riesendünen. Es ist geschafft – trotz kleinerer Probleme sind wir wieder eine große Etappe weiter gekommen!