Stadtstaat am Wegesrand – Singapur
Unsere extragroße Raststätte mit allem Komfort am Wegesrand heißt Singapur. Von unserer Marina in Batam verkehren mehrere Schnellfähren am Tag in die riesige Metropole am anderen Ufer der Meerenge. In dieser Megacity gibt es natürlich alles – was uns aktuell sehr in die Karten spielt. Der Grund: Unser Automatic Identification System (AIS) hat leider ungefragt auf No-Identification umgestellt, was uns auf See für die Großschifffahrt unsichtbar macht – zumindest auf ihren Navigations-Bildschirmen. Wir benötigen somit dringend einen eloquenten Ersatz für die kleine, verstummte Blackbox. Ein Marineshop, der uns weiterhelfen kann, ist dank Google schnell gefunden. Mitten in Chinatown soll er einen neuen AIS-Transceiver auf Lager haben.
Wir machen uns also morgens auf den Weg zur Schnellfähre, um überzusetzen. Einziges Problem: Verläßt man Batam Richtung Singapur, reist man aus Indonesien aus und muss später wieder einreisen. Das dazugehörige Prozedere ist natürlich online zu erledigen, aber gar nicht so einfach zu verstehen. Ganz wichtig ist die sogenannte „Arrival-Card“, die man natürlich nur in digitaler Form bekommt. Wir erledigen alles, so gut wie es geht und machen uns auf den Weg …
Die HighSpeed-Überfahrt ermöglicht uns einen ersten Eindruck der Straße von Singapur, die wir ja auch noch mit Holly Golightly kreuzen müssen. Und ja, es ist beeindruckend – so viel Schiffsverkehr und Ankerlieger haben wir noch nie gesehen. Gegen diesen Wasser-Highway ist der heimische Ärmelkanal geradezu eine maritime Landstraße!
Am Ufer von Singapur angekommen checken wir ein, gönnen uns einen „Uber“ und lassen uns zu der Adresse des Marine-Shops chauffieren. Dieser selbst ist aber nicht so einfach zu finden. Etwas ratlos umkreisen wir einen größeren, recht zweckmäßigen Gebäudekomplex mit vielen Schaufenstern. Es muss doch hier irgendwo sein … Nach einigem Gesuche finden wir einen unscheinbaren Eingang, hinter dem sich tatsächlich eine Art Shopping-Mall versteckt. Rund um einen nüchternen Lichthof, der olfaktorisch eher an einen Räucherstäbchengroßhandel erinnert, finden sich auf drei Etagen allerlei kleine Fachgeschäfte und dazwischen auch unser gesuchter Marine-Shop. Dieser hat, wie online versprochen, das AIS unserer Wünsche vorrätig.
Wir werden sehr nett beraten und die Fachverkäuferin programmiert für uns auch gleich unsere Schiffsdaten in das kleine schwarzorange Plastikkästchen, welches dem Schiffsverkehr um uns herum zukünftig wieder unsere Identität, unseren Kurs und unsere Geschwindigkeit verraten soll. Emotional, aber leider auch monetär sehr erleichtert, verlassen wir das kleine Geschäftshaus und brechen auf zum unterhaltsamen Teil des Tages, der Stadtbesichtigung.
Verglichen mit europäischen Städten ist Singapur beeindruckend – so viele Menschen auf so wenig Raum, das muss man erst mal hinkriegen. Die Lösung heißt auch hier: Stapeln! Stapeln! Oft geht mit dieser bewährten Art des Wohnens eine gewisse Tristesse einher – nicht so in Singapur. Die Neubauviertel sind hier extrem gepflegt, begrünt und wirken fast wie neu. So, als hätte man die gesamte Stadt erst vor ein paar Jahren hier hingestellt. Der Grund für den sehr gepflegten Zustand sind nicht etwa schwäbische Migranten, sondern ein Konzept, das nachahmenswert erscheint: Nachdem man anfangs mit Mietwohnungen schlechte Erfahrungen gemacht hatte – der Wohnraum verkam recht schnell – änderte man das Konzept. Die Stadt verkauft seitdem neue Wohnungen recht günstig an die Einwohner, statt sie zu vermieten. Diese pflegen ihr Eigentum dann nachhaltiger, da sie die Wohnungen nach Jahren sogar mit Gewinn verkaufen können. Vvielleicht auch ein Konzept für Good Old Germany?
Da wir leider nur den Nachmittag für diese spannende Stadt zur Verfügung haben, entscheiden wir uns drei der vielen Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Beim berühmten Marina Bay Sands, das quasi das Wahrzeichen der Stadt ist, hat sich der Architekt wohl von seinem auf drei Kisten abgelegten Surfbrett inspirieren lassen. Das Ergebnis ist tatsächlich beeindruckend – sowohl aus der Frosch- wie auch aus der Vogelperspektive. Das Hotel ist atemberaubende 191 m hoch und wurde von 2006 bis 2010 für sparsame 4,5 Milliarden Dollar errichtet. Damit ist das Ding doch tatsächlich 34 Meter höher als der Kölner Dom, was Skipper Franz eine Frechheit findet! Verglichen mit Stuttgart 21 (14 Jahre Bauzeit und 12 Milliarden Kosten (Ende offen)) aber eine echte Leistung!
Wir gönnen uns einen Besuch der riesigen Dachterrasse, von der aus man einen unglaublichen Ausblick auf Singapur hat. Weit, weit, weg am Horizont können wir sogar den Mast von Holly sehen – "Wahr oder gelogen?" würde Kaptän Blaubeer nun fragen :-)
Die dazugehörige Shopping-Mall beherbergt alle Läden, die man so für den täglichen Bedarf benötigt: Louis Vuitton, Gucci, Bottega Veneta, Alexander McQueen, Brioni, Valentino und natürlich Tiffany, wo Holly Golightly ja bekanntermaßen gerne frühstückt!!! Gut, dass sie in der Marina geblieben ist. :-) Die aktuelle Kollektion bei Tiffany erinnert stark an Schäkel, nur eben in Gold und mit etwas Glitzer verfeinert. Uns reichen die Edelstahlschäkel an Bord und gefrühstückt haben wir auch schon.
Ganz in der Nähe befindet sich Gardens by the Bay – der einzigartige Botanische Garten von Singapur. Riesige, baumartige Skulpturen und Gewächshäuser locken schon von Weitem. Nichts in dieser Stadt ist klein und bescheiden; wir betreten eines der beiden riesigen Gewächshäuser und sind baff! Im Inneren sehen wir uns einem großen Wasserfall gegenüber, der bestimmt 20 – 30 Meter hoch ist. Auch der „Rest“ überzeugt: Unzählige Bäume, Sträucher, Blumen, Moose und was es sonst noch alles Grünes oder Blühendes gibt, ist hier versammelt. Die üppige Vegetation ist selbstredend auch sehr aufwändig arrangiert. Über mehrere Etagen bis unter die Spitze der riesigen Glaskuppel kann man durch die Invitro-Natur lustwandeln und staunen.
Als wir aus dem Staunen wieder herausgekommen sind, heißt es: „Ab nach Hause“. Wir düsen wieder im Sauseschritt mit der Schnellfähre zurück nach Batam und freuen uns auf unser kleines, schwimmendes Zuhause. Aber was soll ich sagen oder schreiben – da war doch noch was?! Richtig, die ach so wichtige „Arrival-Card“ ist im digitalen Nirwana nicht aufzufinden. Ohne sie können wir aber nicht wieder nach Indonesien einreisen. So hängen wir nach einem schönen, aber auch anstrengenden Tag im wenig gemütlichen Fähr-Terminal fest und versuchen, den sehr freundlichen Beamten der Immigration zu erklären, dass wir mit dem eigenen Boot nach Indonesien eingereist sind und gerne wieder dorthin zurück reisen würden. Nach einigem Hin und Her und Her und wieder Hin, wird der entsprechende Datensatz gefunden und man lässt uns wieder zurück ins Land. Wenig später sind wir dann wieder mit Holly Golightly vereint – erzählen ihr aber nichts von Tiffany ;-)