Holly Golightly

#56
Grenada/Prickly Bay

99 dicke Eier und ein fliegender Toyota-Bus

  • Reisegeschichten

Nach ein paar Tagen an der Mooring-Boje vor St. George´s zieht es uns in die Prickly Bay.

Satte 7 Meilen haben wir vor der Nase, die uns ab der Süd-West-Ecke Grenadas mal wieder einen Amwind-Kurs mit hübschen Wellen und auch Strom gegenan bescheren. Der Skipper ist begeistert, dass es endlich mal wieder einen Hauch sportlich zur Sache geht, während die Mareike-Crew knatschig ist, weil das höchste der Gefühle für sie unterdessen Halbwind ist … so erreichen wir in gemischter Stimmung nach zugegebenermaßen kurzer Kreuz die gewünschte Bucht und lassen unseren Anker hinter der „Moonshadow“ von Paul aus Großbritannien fallen, den wir schon auf Lanzarote und in Mindelo getroffen haben.

Die Prickly-Bay ist vollgepackt mit Booten aus der ganzen weiten Welt. Viele verbringen hier – genau wie in den angrenzenden Buchten – die Hurrikan-Saison an Bord, etliche stellen ihr Schiff an Land und reisen heim, einige wollen weiter so wie wir. Ein buntes Völkchen ist also versammelt und Paul führt uns beim Sundowner auch gleich in einen Teil der Community ein. Von Langeweile ist ab dem Moment keine Rede mehr.

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Eine Bucht für Viele: die Prickly Bay

Neben der WhatsApp-Gruppe „Prickly-Bay-Sailing-Mates“ gibt es auf Grenada jeden Morgen eine Funkrunde. Dort gibt es Infos zum Wetter, es stellen sich hier die neu eingetroffenen Schiffe vor und wer wegsegelt verabschiedet sich. In den vollgepackten 30 Minuten bieten zudem Kneipiers und Händler ihre Highlights und Angebote des Tages an, es gibt verschiedene Wohltätigkeitsaktionen an denen sich Segler:innen beteiligen, wie z.B. Schwimmkurse. Wer sein Boot leerräumt, wird aufgefordert, nicht mehr benötigte Lebensmittel der Foodbank zu überlassen, unter dem #ausderbilge wird angeboten, was man selber an Bord nicht mehr braucht und allerlei anderes. Dreimal pro Woche bieten lokale Minibussfahrer Einkaufsrunden an. Wer mit will, wird an der jeweiligen Marina/Bucht eingesammelt und zum Markt, Supermarkt und (Highlight aller Skipper!) zu Budget Marine gefahren (Shop für Bootszubehör und -ersatzteile). Zu guter letzt wirbt Shademan, der eigentlich Patrick heißt, noch für die Ausflüge der Woche.

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Flying Toyota ...
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... und Pilot Shademan

Es ist gerade die Jahreszeit, in der die größten Schildkröten der Welt unter anderem nach Grenada kommen, um ihre Eier abzulegen. Ganz im Norden der Insel überwachen und dokumentieren Forscher:innen die Eiablage der riesigen Lederschildkröten und dank einiger ehrenamtlicher Helfer:innen, können interessierte Menschen dem Ereignis beiwohnen.

Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen und reservieren umgehend zwei Plätze in Shademans in die Tage gekommenen Toyota-Kleinbus. Dessen Federung hat allerdings – deutlich spürbar – schon vor etlichen Jahren den Dienst quittiert.

Am Nachmittag geht es nun zunächst zickzack von Bucht zu Bucht. Der kleine Bus wird mit der Reisegruppe des Abends vollgestopft und dann sitzen wir in dem tollsten Gefährt der Insel auf veganen, aber leider in keiner Weise atmungsaktiven Ledersitzen. Dicht gedrängt versuchen wir verzweifelt, so wenig wie möglich in Schweiß zu geraten und einen kleinen Lufthauch aus den geöffneten Fenstern zu ergattern. Trotz aller Widrigkeiten genießen wir die Rumpelfahrt gen Norden. Unterwegs erklärt uns Shademan Grenadas Welt und gibt allerlei Hinweise zu den Örtchen am Wegesrand. Nach zwei Stunden – es ist bereits dunkel – wird mitten in der Pampa an einer kleinen Bude gestoppt, wo sich alle mit gegrilltem Hühnchen, Fritten (Franz auf Wolke sieben) und Kaltgetränken stärken.

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Büdchen mit Pommes oder ...
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... frische Krabben am Wegesrand.

Am Abend erreichen wir schließlich eine kleine Info-Station, wo uns von Ehrenamtlichen erklärt wird, was uns erwarten könnte und wie wir uns im Fall der Fälle zu verhalten haben. Der Konjunktiv des Geschehens ist allerdings die Sollbruchstelle! Wir werden nun am dunklen Strand abgesetzt und müssen warten. Die Wissenschaftler:innen sind am Strand unterwegs und halten Ausschau. Falls eine Schildröte in dieser Nacht den Weg an Grenadas schönen Nordstrand findet, werden wir von den Ehrenamtlichen abgeholt. Sollte bis 24 Uhr nix passieren, geht es unverrichteter oder besser gesagt ungesehener Dinge/Kröte wieder zurück in den Süden. Das Gute ist, dass es erst 20 Uhr ist und so lassen wir uns hoffnungsvoll auf die Bänke vor Ort plumpsen und schlürfen gemeinsam mit Petra von der Sutje unser mitgebrachtes Bier.

Gegen 23 Uhr ist es dann tatsächlich so weit! Eine der großen Schildkröten ist angelandet!!! Schnell raffen wir alles zusammen, knipsen unsere Rotlicht-Stirnlampen an (weißes Licht ist streng verboten) und wandern wie gewünscht im Entenmarsch den Strand entlang.

Was wir dann zu sehen bekommen übertrifft all unsere Erwartungen. Die Lederschildkröte, die sich hier an Land geschleppt hat, ist mit ihren 1,60 m zwar nicht die größte ihrer Art aber trotzdem atemberaubend! Bis zu 900 kg werden diese Boten aus einer vergangenen Zeit schwer. Nur um Eier abzulegen, wagt sich das Weibchen aus dem heimischen Medium Wasser ans Land. So unbeholfen und verloren wirken diese Wesen dann auch auf dem Strand. Am liebsten möchte man sie mit vereinten Kräften wieder ins nahe Meer schieben. Aber „unsere“ Schildkröte muss ja noch einen wichtigen Job erledigen. Genau 99 Eier legt sie in das mühsam ausgehobene Loch am Strand. Das alles dauert natürlich eine gewisse Zeitspanne in der das Weibchen wie in Trance am Strand liegt und ab und an urzeitliche Laute von sich gibt. Die großen Augen in dem gewaltigen Kopf tränen derweil ganz gewaltig – vermutlich schützt sie das vor dem Austrocknen.

Die Temperatur im Nest hat übrigens einen Einfluss auf das Geschlecht des schlüpfenden Jungtiers. Bei Temperaturen zwischen 27 und 28,7 Grad schlüpfen überwiegend Männchen. Bei Temperaturen von 29,7 bis 32 Grad Celsius sind es überwiegend Weibchen, die die Eier verlassen.

Als die Sache mit der Eiablage endlich erledigt ist, beginnt unsere Lederschildkröte das Loch wieder mit ihren großen Schwimmflossen zuzuschaufeln. Als ob das noch nicht genug wäre, wird anschließend das Nest noch geschickt getarnt. Allerlei Kreise drehend, schleppt sie sich über den Strand und kreiert ein beeindruckendes „Sand-Camouflage“ – so dass man am Schluss tatsächlich nicht mehr sagen kann wo die Eier versteckt sind. Dann endlich verschwindet sie wieder im dunklen Ozean – ein wahrlich ergreifender Moment und ein unvergessliches Erlebnis!!

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Ganz schön lang die Dame!
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Streicheleinheiten zur Motivation
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99 Eier sollen es gewesen sein
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Alle gut verbuddelt!

Die anschließende Heimfahrt im urzeitlichen Toyota-Bus ist aber auch (nicht) ohne. Denn ohne Federung und mit Energiesparlampen in den UV-vergilbten Scheinwerfern rasen wir über die von sogenannten „Bumpern“ gespickte Piste heimwärts. Es kommt wie es kommen muss: Einen der Bumper übersieht (oder verschläft?) Pilot Shademan und die Passagiere geraten für Sekunden in den Zustand der Schwerelosigkeit bevor der Toyota-(Air)Bus von der Schwerkraft wieder auf den harten Asphalt der Realität gezwungen wird. Wild schlingernd und erbärmlich ächzend gelingt die ungeplante Notlandung. Nichts ist unmöglich – Toyota! Nach diesem Kurzstreckenflug ist auch Pilot Shademan, dank der kleinen Adrenalinspritze wieder ganz bei der Sache.

Als wir schließlich gegen 2:30 Uhr den Heimatflughafen lebend erreicht haben, sind alle erleichtert, preisen den Herrn und die Arbeit der Schutzengel und freuen sich auf das schaukelnde aber sichere Boot.

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Auch Fred findet angemessenen Anschluss in der Prickly Bay
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