Holly Golightly

#84
Pazifik

3 Seefahrer:innen, 33 Tage auf 33 Fuß – Teil 4

  • Reisegeschichten

KOMMUNIKATION - mit Ringelnatz durch die Wogen

Während der Fahrt ein Schwätzchen halten – das macht Spaß und vertreibt die Zeit. Für den Automobilisten auf dem Weg in den Süden ganz normal. Dazu musiziert das Blaupunkt-Autoradio und trägt mit Nachrichten und Verkehrsfunk einen Teil dazu bei. Dank omnipräsenten Mobilfunknetzen helfen auch WhatsApp, Insta und Co, den langen Trip kurzweilig zu gestalten.

Frühere Seefahrer:innen standen was Kommunikation mit der Außenwelt angeht ziemlich alleine da – und dies im wahrsten Sinne das Wortes. Auf hoher See waren Gespräche mit den Liebsten daheim nur sehr eingeschränkt über Funk möglich. Noch bis 1989 gab es Norddeich-Radio, das Funksprüche von See an die daheim gebliebenen Seemannsbräute und -familien weiterleitete.

Die zunehmende Menge von kleinen und großen Satelliten, die fleißig unseren Erdball umkreisen, eröffnete dann mit der Zeit auch für den kleinen, privaten Skipper auf See neue Möglichkeiten.

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Unser Draht zur Welt …
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… via Satellit

Aktuell ist die Kommunikation über die Iridium-Satelliten, die wir nutzen, schon ein alter Hut. Die Technik der Stunde ist StarLink. Mindestens zwei Drittel der Yachten, die über den Pazifik segeln, sind damit ausgerüstet und können so den Wahnsinn der Welt auch in der Abgeschiedenheit des Pazifik in vollen Zügen inhalieren.

So weit sind wir (noch) nicht. Daher freuen wir uns über jede Nachricht, die uns im Nirwana des Ozeans erreicht.

Die Landratte kann sich bestimmt nicht so einfach vorstellen, wie weit draußen und einsam man sich in der Mitte das Pazifiks fühlen kann: 3600 km vor und hinter uns nur blaues Wasser. Nach Norden und Süden noch mehr blaues Wasser und unter uns – genau, noch viel mehr Wasser.

Da kommt wirklich jede Nachricht recht, um ein wenig das Gefühl zu erhalten, dass man nicht ganz alleine auf diesem großen Ozean ist!

Die Botschaften, die digital aus dem Himmel auf uns herabregnen,sind eine Wohltat und tragen dazu bei die Stimmung an Bord hoch zu halten. Mutmacher, kleine und große Gedichte, Rätsel, Routeninfos, Tipps, Zuspruch, Anteilnahme und nicht zuletzt die Wettervorhersagen sind für uns so wichtig wie der Trinkwasservorrat an Bord!

Ein besonderes Highlight ist der „tägliche Ringelnatz“, der uns von unseren Segelfreunden Susanne und Olaf gesendet wird: Für unsere bis zu 40 Tage dauernde Überfahrt haben sie sich ausgedacht, uns täglich eine der 40 Zeilen aus „Mein Wannenbad“ zu schicken. Mit unserer Ankunft sollte das Gedicht komplett übermittelt sein. Was für eine liebe Idee, die täglich für Heiterkeit an Bord sorgt!

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Der Joachim hat einst gedichtet:

Mein Wannenbad

Es muß wieder mal sein.
Also: Ich steige hinein
In zirka zwei Kubikmeter See.
Bis übern Bauch tut es weh.
Das Hähnchen plätschert in schamlosem Ton,
Ich atme und schnupfe den Fichtenozon,
Beobachte, wie die Strömung läuft,
Wie dann clam, langsam mein Schwamm sich besäuft.
Und ich ersäufe, um allen Dürsten
Gerecht zu werden, verschiedene Bürsten.
Ich seife, schrubbe, ich spüle froh.
Ich suche auf Ausguck
Vergebens nach einem ertrinkenden Floh,
Doch fort ist der Hausjuck.
Ich lehne mich weit und tief zurück,
Genieße schaukelndes Möwenglück.
Da taucht aus der blinkenden Fläche, wie
Eine Robinsoninsel, plötzlich ein Knie;
Dann — massig — mein Bauch — eines Walfisches Speck.
Und nun auf Wellen (nach meinem Belieben
Herangezogen, davongetrieben),
Als Wogenschaum spielt mein eigenster Dreck
Und da auf dem Gipfel neptunischer Lust,
Klebt sich der Waschlappen mir an die Brust.
Brust, Wanne und Wände möchten zerspringen,
Denn ich beginne nun, dröhnend zu singen
Die allerschwersten Opernkaliber.
Das Thermometer steigt über Fieber,
Das Feuer braust, und der Ofen glüht,
Aber ich bin schon so abgebrüht,
Daß mich gelegentlich Explosionen
— Wenn’s an mir vorbeigeht —
Erfreun, weil manchmal dabei was entzweigeht,
Was Leute betrifft, die unter mir wohnen.
Ich lasse an verschiedenen Stellen
Nach meinem Wunsch flinke Bläschen entquellen,
Erhebe mich mannhaft ins Duschengebraus.
Ich bück mich. Der Stöpsel rülpst sich hinaus,
Und während die Fluten sich gurgelnd verschlürfen,
Spannt mich das Bewußtsein wie himmlischer Zauber,
Mich überall heute zeigen zu dürfen,
Denn ich bin sauber.

So fühlen wir uns weit weg vom Land aber nah dran an unseren Freunden und Liebsten.

Neben den „alten“ Freunden gibt es auch  Kontakt zu neuen Freunden, die ebenfalls gerade zu den Marquesas unterwegs sind.

Die Crew der Segelyacht „Forty Two“ ist nur einen Tag nach uns gestartet. So können wir uns leidenschaftlich mit Saskia und Kyle (aus Australien und USA) über gemeine Wellen, schönen Sonnenschein, Angel-Erfolge und Reparaturen austauschen. Es ist schon ein wenig beruhigend zu wissen, dass man hier draußen nicht so ganz alleine ist.

Die letzten Tage vor der Ankunft in Fatu-Hiva schwächelt dann leider unser IridiumGo merklich, was ein wenig nervt. Glücklicherweise hat der Skipper jeoch auch diese Eventualität im Vorfeld durchdacht und uns zur Sicherheit noch ein Inreach-Satelliten-Telefon von Garmin organisiert. So muss sich am Ende der langen Passage niemand zu Hause sorgen machen, weil der Track nicht mehr so regelmäßig aktualisiert wird und wir nicht mehr auf alle Mails antworten können.

Als wir am Ostersamstag schließlich in die atemberaubende Baie Hanavave einlaufen, werden wir von Saskia und Kyle, die uns im Dinghy entgegen kommen, begrüßt und bejubelt! Was für ein herzlicher Empfang!

Ebenso gerührt sind wir von all den lieben Nachrichten, die uns nach unserer Ankunft auf den „handelsüblichen“ Kanälen erreichen. Erst jetzt merken wir, wie viele Menschen, unsere 33 Tage über den Pazifik mitverfolgt und aus der Ferne begleitet haben. Durch all die Rückmeldungen wird uns nochmal mehr deutlich, was wir drei zusammen geschafft haben! Also Prosecco auf und Prost!

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Mal eben zum Hörer greifen wäre toll gewesen :-)
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